Warum sich Traditionen und Bräuche verändern

Die Gründe warum sich bestehende Traditionen und Bräuche verändern oder sogar ganz aus dem Lebensumfeld der Menschen verschwinden sind sehr vielfältig. Sehen wir uns einige dieser Gründe, die zu Veränderungen des fastnachtlichen Brauchtums in unserer Region führten etwas näher an.
Da ist zum einen die lutherische Reformationsbewegung (1517 - 1648) zu nennen. Zum Anderen die demografischen Veränderungen. Nach den schweren Kriegszeiten des 17.und 18. Jahrhunderts waren ganze Landstriche entvölkert. Die Landesherren holten sich zur Neubesiedelung Menschen mit anderen Sitten und Bräuchen aus allen Herren Länder ins Land. Die mit den Kriegen verbundenen Notzeiten in den verwüsteten und leergeplünderten Landesteilen boten wohl kaum gute Grundlagen für das Fastnachtstreiben. Somit geriet einiges in Vergessenheit. Die französische Fremdherrschaft, während der napoleonischen Zeit, hatte mit der Schaffung des Königreichs Westfahlen mit Sicherheit Einfluss auf das Volksbrauchtum. Große Veränderungen brachte auch der rasante industrielle Aufschwung des 19 und 20. Jahrhundert.
Betrachten wir doch mal die kirchliche Reformation und der damit verbundene Einfluss auf das fastnachtliche Brauchtum etwas näher. Im Wesentlichen war es die Abspaltung eines teils der Christenheit vom Papsttum. Somit war nicht mehr der Papst der oberste Kirchenrepräsentant der über die Christenheit bestimmen konnte. Das kam mit der Reformation den weltlichen Herrschern zu. Sie, die Kaiser, Könige und Landesherren, waren "von Gottesgnaden" dazu berufen und damit gleichzeitig die oberste Kirchenrepräsentanten in ihren Ländern.
Bei meinen Recherchen zum Brauchtum Fastnacht, Fasching und Karneval fand ich des öfteren Akten, deren Inhalt sich mit der Abschaffung von Überresten des Papsttums beschäftigte. Dazu zählt u. a. das Verbot des Fastnachtleutens, das fast 80 Jahre nach dem Abschluss der Reformation vielerorts noch üblich war. Hier nun ein Aktenbeispiel zu dieser Thematik.

Von Gottes Gnaden Victor Friederich, Regierender Fürst zu Anhalt, Herzog zu Sachsen,
Engern und Westfahlen, Graff zu Ascanien, Herr zu Bernburg und Zerbst

Unsern Gnädigsten Gruß zuvor
Edle, Ehrwürdige und hochgelahrte, liebe getrëue und andächtige
Bey uns sind die unterthanen zu Plötzkau unterthänigst supplicando eingekommen und
Haben gebethen, gnädigst zu verstatten, dass das sonst gebräuchlich gewesene
Nacht-Fest-einläuten geschehen möge; Nachdem aber diese relequien von dem
Pabstthum und zu nichts nütze, Alß befehlen Wir Euch hierdurch gnädigst, in unseren
Gantzen Fürstenthum und landen, wo diese gewohnheit noch vorhanden, solches gäntzlich
Einstellen, zu solche gehueff auch alsoforth gemessene verordnung in unseren Nahmen an
alle Prediger dargestalt abgehen zu laßen, daß von nun an und künfftighin dieses
Fest-Nacht-einläuten abgeschafft seyn und gäntzlich unterbleiben solle. Wir sind
Unterthänigst parition gewärtig und verbleiben Euch mit Fürstl. Gnaden wohlbeygethan.
Datum auf unserer Fürstlichen residenz Berenburg den 3ten April A(nn)o 1724
Victor Friedrich F(ürst) z(u) Anhalt

Denen Wohlgebohrenen, HochEhrwürdigen, HochEdelgebohrenen, Fest und Hochgelahrten
Zum HochFürst(lich) Anhalt Bereburg(ischen) Höchstlöb(lichen)Consistorio
HochVerordneten Herren Directori Und Räthen
Meinen insbesonders Hochzuehrenden Herren
gehorsamst

(Quelle: Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Dessau, Z 18 Abteilung Bernburg, C 17 Cultus und Ecclesiastica: Verordnung wegen Abschaffung des Fastnachtsläutens, 1724)
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